Eine Wiege der Menschheitskultur

Steinzeit-Mammut

Fünf Zentimeter groß ist die Figur. Fünf Zentimeter Elfenbein aus dem Stoßzahn eines Mammuts. Ein winziges Figürchen, einen Mammut darstellend, doch ein großer Fund aus der Vogelherdhöhle im Lonetal. 1931 führte ein Dachs die Ausgräber auf die Spur. Zusammen mit 10 anderen Figuren gelten der Mini-Mammut und seine kleinen Freunde heute als die ältesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Zwischen 30 000 und 40 000 Jahre sollen sie alt sein und stammen somit aus einer Zeit, aus der sonst nur Gebrauchsgegenstände wie Speerspitzen und Keile bekannt sind.

Auffallend am kleinen Mammut sind die X-Einkerbungen am ganzen Körper. Was wollte der Künstler damit sagen? Wir heutigen können nur spekulieren: Bezeichnete er die schmackhaftesten Stücke für seinen Speiseplan? Oder die Stellen, an denen das riesige Tier am verwundbarsten war? Oder war er ein Jäger, der die Zahl seiner erlegten Tiere auf diese Weise festhielt? Wir wissen es nicht und stehen um so staunender vor dem Zeugnis einer uralten Kultur.

Fast noch berühmter als das Kerben-Mammut sind das 4,8 cm große Pferdchen, eine ungemein anmutige und filigrane Kleinskulptur, und der Löwenmensch, ein weltweit einzigartiges Artefakt. Ein Löwenkopf und prankenartige Arme sind wundersam verbunden mit der aufrechten Haltung des Menschen auf Beinen und Füßen. Jahrtausende später begegnen uns diese Verbindungen aus Menschen- und Tierwelt als Minotaurus, Sphinx oder Meerjungfrauen.  Die geistig-religösen Vorstellungen unserer Urahnen, die Kunstwerke wie den Löwenmenschen hervorbrachten, können wir heute nur erahnen.

2006 fanden erneut Grabungen in der Vogelherdhöhle statt. Ein Team von der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Nicholas Conrad fand erneut spektakuläre Tierfiguren, darunter das mittlerweile legendäre Vogelherd-Mammut, das als das älteste vollständig erhaltene Kleinkunstwerk der Menschheitsgeschichte gilt. In der Höhle Hohler Fels stießen die Forscher auf eine sechs Zentimeter große Venus-Figur und auf den bearbeiteten Knochen eines Gänsegeiers – eine steinzeitliche Flöte und damit auf den Nachweis, dass in dieser Gegend bereits vor über 30 000 Jahren Musik gemacht wurde.

Das Lonetal mit seinen Höhlen, Fundstätten und Ausstellungen ist in Ostwürttemberg ein Ausflugsziel der ganz besonderen Art: eine spannende Spurensuche zu einer der Wiegen der Menschheitskultur.